Solidarität der Generationen

Am Stuttgarter Fanny-Leicht-Gymnasium gibt es eine ganz besondere Schule – eine „Schule in der Schule“. Es gibt keine Noten. Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums – zwischen 10 und 18 Jahren alt – unterrichten ältere Menschen. Diese sind im Durchschnitt 75 Jahre alt.

Mehr als 100 Schülerinnen und Schüler aus Klasse 5-12 stehen derzeit vor den etwa 160 wissensdurstigen Seniorinnen und Senioren. An zwei Nachmittagen in der Woche kommen sie ins Gymnasium und lernen hier bei der jungen Generation, was sie interessiert.

Außerdem feiern alle gemeinsam vier Feste pro Jahr, man besucht kranke Seniorinnen und Senioren, organisiert einen gemeinsamen Jahresausflug und nimmt gemeinsam an Besichtigungen, an Vorträgen oder auch an Kongressen teil.

Der Soziale Arbeitskreis, so der Name der „Schule in der Schule”, hat es sich zum Ziel gesetzt, Kontakte zwischen Alt und Jung zu ermöglichen, um so Vorurteile ab- und eine Atmosphäre menschlicher Wärme aufzubauen. Den Senioren wird hier ermöglicht, mit Jugendlichen in Kontakt zu treten. Gleichzeitig bietet sich den Schülern eine wichtige Gelegenheit zur Persönlichkeitsbildung und zum „Lernen durch Lehren“. Die Jüngeren unterstützen die Älteren dabei, fit und möglichst lange selbstständig zu bleiben, indem sie diese an dem teilhaben lassen, was ihnen heute in der Schule angeboten wird. Die Senioren bereichern mit ihrer Lebenserfahrung das Denken und Handeln der jüngeren Generation. Das Projekt ist für alle Beteiligten ein Gewinn.

Seit 1962 organisieren die Oberstufenschüler des Gymnasiums hier ehrenamtlich die Weiterbildungskurse für Senioren. Der Stundenplan umfasst alle Schulfächer, aber auch Tanz und Denksport. Nur Schüler mit der Mindestnote „2“ dürfen Fachunterricht geben. Der Lernprozess ist gut organisiert: Die jungen Lehrer führen über ihren Unterricht ein Tagebuch (früher: Klassenbuch); die Senioren wählen Kurssprecher.

Was in diesem Gymnasium stattfindet, ist allerdings viel mehr als Wissensvermittlung: Hier kommt es zu einer Begegnung der Großeltern- und Enkelgeneration, bei der sich beide Generationen in ihrem Empfinden, Wollen und Können einander oft näher sind als gemeinhin angenommen – und näher als es unter Umständen zu der Elterngeneration dazwischen der Fall ist.